Ausgangspunkt für Yona Friedmans Ville spatiale war die Überzeugung, dass die Architektur nur einen Rahmen, eine Struktur vorgeben dürfe, die von den Bewohnern nach eigenem Gutdünken ausgefüllt werden solle. Ähnlich wie Constant, der zur gleichen Zeit, Mitte der 1950er Jahre, die Grundzüge von New Babylon entwickelte, sah Friedman in der fortschreitenden Automatisierung der Arbeitswelt und dem damit einhergehenden Anstieg der Freizeit eine entscheidende gesellschaftliche Veränderung, der die traditionelle Stadtgestalt nicht mehr gerecht würde. An Stelle der unbeweglichen und aufwendigen herkömmlichen Architektur sollten flexible, mobile Strukturen treten.

Yona Friedman, La ville spatiale, 1960, Collage

Als Reaktion auf den CIAM Kongress in Dubrovnik 1956 und die TEAM 10 Architekten, die an mobilen Strukturen wenig interessiert waren, gründete Friedman 1958 die Groupe d’Etudes d’Architecture Mobile (GEAM), der u.a. David Georges Emmerich, Camille Frieden, Günter Günschel, Oskar Hansen, Jean Pierre Pecquet, Eckhard Schulze-Fielitz und Werner Ruhnau angehörten. Über Eckhard Schulze-Fielitz, mit dem er am Entwurf einer Brückenstadt über den Ärmelkanal arbeitete, kam Friedman in Kontakt mit Constant.

Es lassen sich eine Reihe von formalen Gemeinsamkeiten zwischen Constants New Babylon und Ville spatiale feststellen. Schon in der Präsentation ihrer Ideen in Form von zeichnerischen Collagen und skulpturalen Modellen sind sich die beiden Kontinentaleuropäer Constant und Friedman ähnlich; die Mischung aus Pop und Hightech, die die Archigram Entwürfe kennzeichnet, sind ihnen fremd. Sowohl New Babylon als auch Ville spatiale erheben sich auf schlanken Stützen weit über den Boden und legen sich als eigenständige Struktur über die alten Städte ebenso wie über die Landschaft. Der partizipatorische Impetus unterscheidet Friedman allerdings deutlich von Constant, dessen Stadtvision durchaus autoritäre Züge trug.

Yona Friedman, La Ville spatiale, 1960, Collage

1960 publizierte Friedman seine beiden grundlegenden Manifeste Architecture Mobile und La Ville Spatiale. Er schreibt über sein Konzept: Entscheidend für die Ville spatiale ist das, was ich als ‚räumliche Infrastruktur’ bezeichne: ein mehrgeschossiges Raum-Rahmen-Gitter, das in weiten Abständen von Pfeilern getragen wird (…). Diese Infrastruktur bildet den festgelegten Teil der Stadt. Der mobile Teil besteht aus den Wänden, Grundplatten, Trennwänden, die eine individuelle Raumaufteilung möglich machen – er ist sozusagen die ‚Füllung’ der Infrastruktur. Alle Elemente, die sich in direktem Kontakt mit dem Benutzer befinden (d.h. die er sieht, berührt usw.) sind mobil, im Gegensatz zur Infrastruktur, die kollektiv genutzt wird und festgelegt ist. (1) 

Schon kurz nach dem 2. Weltkrieg befasste sich Friedman mit mobilen Strukturen. Mit Panel Chains (1945) und Movable Boxes (1949) entwarf er einfache Architekturen aus präfabrizierten Elementen, die ein Mindestmaß an Behausung für durch Krieg und Nazi-Herrschaft heimatlos Gewordene ermöglichen sollten. Die Elemente waren preiswert in der Herstellung, leicht zu transportieren und zeichneten sich durch hohe Variabilität aus. Mit diesen Entwürfen legte Friedman den Grundstein für seine Architekturphilosophie, in deren Mittelpunkt die Bedürfnissen der Bewohner stehen und die die Architektur immer auch als emanzipatorische Struktur begreift. In den 1970er Jahren erweiterte er die Architecture mobile für Entwicklungsländer mit Selbstversorgungs-Systemen und engagierte sich für die Vermittlung und Entwicklung einfacher Architektur unter Verwendung lokaler Materialien und Bauweisen.

 

MR

(1) Yona Friedman, Architecture Mobile , 1960, zit nach: Ruth Eaton, Die ideale Stadt, Berlin 2003, S. 221