Seit ihrer Erfindung gab die Schwerkraft dem Bildnerischen eine Zentnerlast als Dreingabe: dem Gehängten, Gepressten, Geschachtelten, Geschichteten, dem ineinander Gefahrenen, dem in sich Versunkenen, dem Fixierten, dem Erigierten und dem Entspannten solle niemals die Ironie abhanden kommen. Für den Berliner Künstler Tilman Wendland allerdings kein Problem! Das Zufällige und das Absichtliche werden in seinen Arbeiten so umgebaut, dass das Vorhandene wie ein Gewolltes und das Entstandene als gespielte Notwendigkeit auftritt.

Untitled, 2006. PCV, 800 x 600 x 360 cm. Installationsansicht, Museo Tamayo Arte Contemporaneo, Mexico. Courtesy: Tilman Wendland

Charakteristisch für Wendlands Installationen und räumliche Zubauten ist ein spezielles Zusammenwirken von Materialauswahl, Raumbeschaffenheit und Objektzweck. Seine Technik besteht meist darin, ‚einfache’ Materialien wie PVC, Papier oder MDF-Platten in Räume so einzupassen, dass das Ergebnis entweder unwahrscheinlich oder beinahe unauffällig erscheint. Bei einer Arbeit in einer Berliner Galerie (1) verlangte er etwa einem großen Stück weißen Kartons aufgrund seines Eigengewichtes eine ähnliche Krümmung ab, wie sie die Raumdecke darüber vorgab – mit dem Effekt, dass sich Karton und Decke gegenseitig zu simulieren schienen. Mit gleichem oder ähnlichem Material, zumeist weiß, erzeugt Wendland oft Zufälligkeiten, manchmal parasitär, manchmal korrigierend, immer auf der Suche nach der kleinsten gemeinsamen Passgenauigkeit. Derlei Zubauten sind mehr als nur ein Kommentar zur Architektur – sie verhalten sich selbst als solche.

Untitled, 2005. Pappe, Klebeband, 600 x 320 cm. Installationsansicht, carlier gebauer, Berlin. Courtesy: Tilman Wendland

Wendlands Arbeiten lassen sich nicht ausdenken, sondern müssen entstehen, um ihrer erfolgreichen Realisierung ins Auge sehen zu können. Die Minimierung auftretenden Risikos ist dabei von Wendlands richtigem Einsatz der ‚Ökonomie’ der jeweiligen Arbeit abhängig, also von dem Verhältnis von Arbeitskraft, Qualität und Beschaffenheit des Materials, Arbeitszeit, Dauer und Örtlichkeit. Andererseits greift Wendland immer wieder auf sein als Materialsammlung gedachtes, wachsendes Fotoarchiv zu, um das allgemeine Gespür für den Zusammenhang zwischen den von ihm beobachteten oder hergestellten Motiv-Affinitäten und den Gesetzen der Schwerkraft zu schärfen. Das Foto eines zum Trocknen aufgehängten Unterhemdes kann so leicht den Anlass für eine hängende, gefaltete Papierkonstruktion in einer Raumecke geben. Möglicherweise war es jedoch auch umgekehrt? Die Fotografien, die Wendland bisweilen in von ihm für seine Ausstellungen gestalteten Heften auskoppelt, lassen diese Frage jedenfalls offen.


Martin Conrads

(1) ticker zehn, carlier | gebauer, 2005

Untitled, 2006. Pappe, Holzfaserplatte, Magazinkopien, variable Abmessungen. Courtesy: Tilman Wendland &  European Art Projects. Foto: Krzysztof Zieliński

[weitere Abbildungen der Installation]