Bereits in den frühen 1950er Jahren wurde die Kritik am Funktionalismus der Vorkriegszeit –vor allem an der Charta von Athen – innerhalb der CIAM (Congrès Internationaux d'Architecture Moderne) unüberhörbar. Die geforderte Funktionstrennung von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr im Städtebau schien einer jüngeren Generation von Architekten die Wurzel allen städtebaulichen Übels. Aldo van Eyck, der mit Constant an verschiedenen Projekten zusammenarbeitete, brachte die Kritik auf den Punkt: Statt der Unannehmlichkeit von Schmutz und Konfusion haben wir es nun mit der Langeweile der Hygiene zu tun. Der materielle Slum ist verschwunden (…), doch was ist an seine Stelle getreten? Meile um Meile organisiertes Nirgendwo, und niemand hat noch das Gefühl, jemand zu sein, der irgendwo lebt. (1)

Cover von Reynar Banhams epochalem Buch Megastructure. Urban Futures of the Recent Past, London / New York 1976

Auf dem neunten CIAM-Kongress in Aix-en-Provence wurden die jungen Rebellen damit beauftragt, den zehnten (und letzten) CIAM Kongress vorzubereiten. Daraus entstand Team X, ein Zusammenschluss von Architekten, zu dem unter anderen Peter und Alison Smithson, Georges Candilis und Shadrach Woods, Jacob Bakema und Aldo van Eyck gehörten. Sowohl die Mitglieder von Archigram als auch Constant und Friedman standen in engem Kontakt mit den Team X-Architekten. Sie gingen jedoch weit über deren Ideen hinaus und entwarfen Stadtvisionen, die durch Mobilität, Flexibilität und Partizipation der Bewohner charakterisiert waren. Mit ihren Entwürfen wurden sie zu den späten Erben der langen Tradition von Idealstadtplanungen.

Es lässt sich eine eigentümliche Sprachlosigkeit zwischen den Megastrukturalisten und den Planern feststellen, die in den 1960er Jahren die Idealstädte Chandigarh und Brasila errichteten: Le Corbusier und Oscar Niemeyer / Lucio Costa. Das ist umso verwunderlicher, als Le Corbusier mit seinem Projekt für Algier bereits 1931 ein städtebauliches Konzept vorgelegt hat, das bereits wesentliche Merkmale der Megastruktur enthält: Sein Projet Á Fort l’Empereur ist die Abkehr von der klassischen Idealstadt. An die Stelle einer Stadtstruktur mit Plätzen, Straßen und Gebäuden tritt ein kontinuierliches Monument, eine Bandstadt, die sich in Form einer Hochstraße beliebig erweiterbar durch die nordafrikanische Landschaft schlängelt. Oben auf dem gigantischen Baukörper sollten zweigeschossige Häuser errichtet werden, die nicht nach dem Entwurf des Architekten, sondern nach den Wünschen der Bewohner ausgestattet sind.

Ralph Wilcoxon (College of Environmental Design, Berkeley) hat 1968 die Megastruktur als eine Stadt definiert, die:

• aus Modulen besteht;

• sich stark oder sogar unbegrenzt erweitern lässt;

• einen strukturellen Rahmen hat, in den sich kleinere strukturelle Einheiten (zum Beispiel Räume, Häuser oder andere kleine Gebäude) einbauen, anschließen (plugged-in) oder ‚anheften’ lassen, nachdem sie anderswo vorgefertigt wurden;

• einen strukturellen Rahmen hat, der von wesentlich längerer Lebensdauer sein sollte als die von ihm getragenen kleineren Einheiten.

Wesentlich für die Megastruktur ist die Trennung der ‚Hardware’, dem konstruktiven Gerüst, das die gesamte städtische Infrastruktur wie Energie- und Wasserversorgung und Transport enthält, von der ‚Software’, die nach je nach Bedarf in die Trägerstruktur ein- und wieder ausgeklinkt werden kann. Die Trennung von Trägerstruktur und einzelnen Modulen soll es ermöglichen, die Stadt den individuellen Wünschen der Bewohner wie auch den sich wandelnden sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen ohne großen Aufwand anzupassen. Die Architektur wird mobil, der Architekt dankt zugunsten der Bewohner ab und kann sich, wie Yona Friedman fordert, auf die Rolle des Technikers beschränken.

Die Stadtvisionen der Megastrukturalisten waren bestimmt vom Möglichkeitsdenken, getragen von der prosperierenden Ökonomie der 60er, erfüllt vom Glauben an die befreiende Macht der Automatisierung. In den Planungen spiegeln sich sowohl die gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse, die ganz Europa in den 1960er Jahren erfasst hatten, als auch der prognostizierte rasante Bevölkerungsanstieg wider.

Zu den Megastrukturalisten zählt neben Constant, Friedman, Archigram, Archizoom und Superstudio eine Reihe weiterer Architekten und Planer, deren Entwürfe in der Ausstellung nur kursorisch behandelt werden können. Dazu gehören vor allem der englische Architekt Cedric Price, die japanischen Metabolisten, aber auch Entwerfer wie Frei Otto oder Buckminster Fuller.

(1) Zt. nach: Ruth Eaton, Die ideale Stadt, Berlin 2003, S. 218