Eilfried Huth (*1930) und Günther Domenig (*1934) begannen ihre Karriere in Graz, wo sie sich ähnlich wie Hausrucker und Co und Coop Himmelb(l)au zunächst mit aufblasbaren Architekturen und pneumatischen Konstruktionen beschäftigten. 1966 nahmen sie an der Ausstellung ‚Urban Fiction’ in der Galerie St. Stephan in Wien teil, auf der sich die progressive österreichische Architekturszene präsentierte. Für ihr dort gezeigtes Projekt Überbauung Ragnitz erhielten sie 1969 den ‚Grand Prix d’Urbanisme et d’Architecture‘ in Cannes und legten damit den Grundstein zu ihrer internationalen Karriere.

Günther Domenig/ Eilfried Huth, Überbauung Ragnitz, 1965-69 (Rekonstruktion). Sammlung FRAC Centre, Orléans, Frankreich. Foto: Robert Illemann, Graz

Die Überbauung Ragnitz stellt eines der wichtigsten Megastruktur­projekte dar, das gegenüber den meist ‚skizzenhaft-agitatorischen’(1) Projekten etwa Hans Holleins, Walter Pichlers und anderen Vertretern der Wiener und Grazer Architekturszene stärker ins Detail geht und einen engeren Bezug zur baulichen Praxis besitzt. In ein ‚Sekundärsystem’, das neben der Schaffung einer räumlichen Grundstruktur auch der Unter­bringung der Versorgungssysteme dient, können auf mehreren Ebenen individuell zugeschnittene Wohn­elemente sowie Verkehrswege eingefügt werden. Der Stauraum für die Automobile, die als notwendiges Übel und Konzession an die gegenwärtige Realität in die Struktur eingeplant werden, wird in den Keller der Struktur gelegt.

Günther Domenig/ Eilfried Huth, Überbauung Ragnitz, 1965-69 (Rekonstruktion). Sammlung FRAC Centre, Orléans, Frankreich. Foto: Robert Illemann, Graz

Das Projekt für Ragnitz begnügt sich jedoch nicht mit den konstruktiven Aspekten einer städtischen Megastruktur, es intendiert vielmehr, in den Raum­strukturen einer erneuerten und flexibleren Gesellschaft Platz schaffen. Gemäß Bernhard Hafners Konzept einer ‚urbanen Architektur’ soll die konzipierte räumliche Struktur gesellschaftliche Interrelationen nicht nur abbilden, sondern die Realität einer sowohl solidarischen als auch individuell-freiheitlich orientierten Stadtgemeinschaft selbst mitformen.

Die neuartige urbane Struktur der Überbauung Ragnitz-Graz ist für Domenig und Huth auch ein Beitrag zur Überwindung des Einfamilienhauses mitsamt seinen negativen Begleiterscheinungen der Zersiedlung und Rigidität der Bauformen. Sie bietet Raum für eine Stadtbevölkerung die, unter Leitung einer künstlerisch-intellektuellen Elite, hauptsächlich im Dienstleistungssektor beschäftigt ist und deren höchstes Gut die lebenslange, gesellschaftlich-räumlich integrierte Bildung darstellt. Durch die enge Verflechtung von privaten und öffentlichen Räumen entsteht ein neues Gleichgewicht zwischen dem sozialen Raum und den individuellen Rückzugsbereichen.

Auch individuelle Kreativität besitzt, wie etwa bei der Produktion der Wohnung durch manuelle Eigenleistung ein zentrales Gewicht: Legitimierte Eigenleistung ist Ausgangspunkt neuer schöpferischer Tätigkeit und Gedankenbildung. Die Kluft des Mißverständnisses zwischen Kunst und der Masse der Bevölkerung wird dadurch verschwinden.(2)


CE

(1) So das zeitgenössische Urteil Friedrich Achleitners in ders.: Urban Fiction in Österreich, in: Bauen + Wohnen, 1967, Heft 5, S. 182.

(2) Günter Domenig, Eilfried Huth: Propositionen, in: Bauen + Wohnen, 1967, Heft 5, S. 183