Constant Nieuwenhuys’ New Babylon, entstanden zwischen Ende der 1950er und Anfang der 1970er Jahre, ist das düster-expressive Gegenstück zum Pop-Appeal von Plug-in City. Auf Stützen und Pfeilern erheben sich die ‚Sektoren’, Constants Stadtteile, über die Erde, schieben sich labyrinthartig ineinander und bilden ein undurchschaubares Geflecht von Ebenen und Passagen, Verspannungen und Streben. Eine Orientierung, einen Masterplan gibt es nicht; New Babylon hat weder ein Zentrum noch Anfang oder Ende.

Gezicht op New Babylonische sectoren, 1971. Fotomontage, Bleistift, Wasserfarben, 135 x 223 cm. Sammlung des Gemeentemuseum, Den Haag, NL

Es gehört zu den erstaunlichen Volten der Kunstgeschichte des 20.

Jahrhunderts, dass Constant, Mitbegründer der Künstlergruppe Cobra und

einer der Exponenten expressiv-gestischer Malerei, zum wichtigsten

Erneuerer geometrisch-raumbezogener Kunst in den 1950er Jahren wurde.

Zusammen mit dem Architekten Aldo van Eyck arbeitete er an

Raum-Farbkonzeptionen, beteiligte sich an den Debatten über Architektur

und Urbanismus in den Architektengruppen ‚De 8’ und ‚Opbouw’,

kooperierte mit Gerrit Rietveld und nahm 1953 an der CIAM Konferenz in

Aix-en-Provence teil. Aus dem Maler wurde ein Entwerfer, dessen

visionäre Projekte sich an der gesellschaftlichen Praxis orientieren.

Er schloss sich der Situationistischen Internationale an, Guy Debord

wurde für einige Jahre zu seinem wichtigsten Gesprächspartner.

Symbolische voorstelling van New Babylon, 1969
Collage, 122 x 133 cm, Sammlung des Gemeentemuseum, Den Haag, NL

New Babylon ist weniger eine künstlerische Stadtvision, wie die ab 1958 entstehenden skulptural gestalteten Modelle der Sektoren vermuten lassen. Es folgten Detailplanungen, technische Zeichnungen, Grundrisse und präzise Beschreibungen der Megastruktur. Constant war davon überzeugt, dass die ersten Sektoren in absehbarer Zeit entstehen würden. Rhizomartig sollten sie sich ausbreiten, die überkommenen Städte und die Landschaft überziehen und nach und nach zu einem weltumspannenden Netzwerk zusammenwachsen. Im Inneren sollten sich die neuen Babylonier, durch die Automatisierung der Produktion von Arbeitund Sesshaftigkeit befreit, durch die labyrinthischen Passagen treibenlassen, bestimmt einzig von ihrer Imaginationskraft und Kreativität. New Babylon ist das Ende aller Städte ebenso wie das Ende der Kunst, die hier in die kollektive Praxis, ins Leben münden soll.


MR

Groep sectoren, 1959. Metall, Tinte auf Plexiglas, Öl auf Holz,
4,5 x 100 x 100 cm. Sammlung des Gemeentemuseum, Den Haag, NL